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Das "Mannheimer System" 1933 - 38
Aufarbeitung und Verschweigen von "Arisierung" in Mannheim
Vorreiterrolle des Mannheimer Finanzamtes
bei der Ausplünderung und Überwachung
Das Mannheimer Finanzamt war im Nationalsozialismus reichsweit Vorreiter bei der Ausplünderung und Überwachung
der jüdischen Bevölkerung. Neue Erkenntnisse gibt es auch über die Zuarbeit der IHK, städtischer Stellen und
anderer lokaler Institutionen.
Eine Veranstaltung am 9.11.2009 in Erinnerung an die Reichspogromnacht;
Referenten: Heiner Ritter und René Skusa.
Veranstaltungs-Flyer
Dokument herunterladen (PDF 370 KB)
Die Vorträge können hier als PDF-Dateien heruntergeladen werden:
(Referat "Arisierung" herunterladen, 566KB ).
(Referat "Mannheimer System" herunterladen,473KB )
Die Vortäge sind auch als Audio-Datei dokumentiert unter:
"Audioarchiv" des bermuda.funks
Direkte Links zu den Audiodokumenten:
"Rede von Heiner Ritter(AKJM)"
"Vortrag von Rene Skusa - Teil 1"
"Vortrag von Rene Skusa - Teil 2"
Betrifft: "Aktion 3".
Deutsche verwerten das Eigentum jüdischer Nachbarn.
Dokumente zur "Arisierung" von
Gegenständen des täglichen Gebrauchs
Um was geht es?
Recherche und Dokumente in Mannheim
Referate zu Mannheim als PDF-Datei
Bilder von der Ausstellung
Chronik der Veranstaltungen
Zeitzeugen gesucht
Um was geht es:
Legalisierter Raub
Unmittelbar nach der Deportationen der Juden - im Oktober 1940 von
Mannheim in das Konzentrationslager Gurs/Südfrankreich, - wurden deren
zurückbleibendes Eigentum vom NS-Staat enteignet, versteigert und verkauft.
Unter den Hammer kamen dabei nicht nur Schmuck und Kunstgegenstände der
jüdischen Bevölkerung, sondern auch alltägliche Gebrauchsgüter wie
Küchenstühle, Geschirr und Kleidung. Zu den neuen Besitzern zählten neben
NS-Parteiorganisationen vor allem Privatleute. Nahezu jede ausgebombte Familie
saß gegen Kriegsende an einem Tisch, der aus dem Besitz ehemaliger jüdischer
Nachbarn stammte oder aus Wohnungen der Juden im besetzten Europa
herangeschafft worden war. Für jeden geraubten Gegenstand gab es eine Quittung mit
Herkunftsvermerk und Stempel, eine Unterschrift des zuständigen Beamten und
einen neuen Nutznießer: Dokumente der Beteiligung und des Mitwissens großer Teile
der deutschen Bevölkerung.
"Aktion 3" war der Deckname für die Deportation,
"Aktion M" für die Überführung der "Beutemöbel" aus dem besetzten Europa
ins Reich.
Alles ordnungsgemäß
Die Enteignung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung sollte keineswegs
der Straße überlassen bleiben. Gesetze und Verordnungen anstelle eingetretener
Schaufenster und roher Gewalt führten zur systematischen Entrechung und
Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung. Gesetzestreue Handlanger, nicht
brutaler Schläger, führten den Raubzug durch. Wer beteiligt war, sollte das
Gefühl haben, dass er dafür keine Verantwortung zu tragen brauche. Penibel
wurde der Anschein von Rechtmäßigkeit aufrechterhalten, auf den Pfennig genau.
Jedes Detail war per Vorschrift geregelt. Diese Ausplünderung war ein
wichtiger Teil der Vernichtungsmaschinerie und zugleich Bestandteil der
NS-Kriegswirtschaft. Hinter der stufenweisen Entrechtung stand ein Plan:
nach dem Raub kam der Mord. Das Geheimnis war kein Geheimnis,
sondern Legalität. Alles geschah "ordnungsgemäß".
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Nach 1945 herrscht Schweigen
Der Unrechtsstaat war besiegt, die NSDAP und ihre Organisationen zerschlagen,
doch die (Finanz-)Beamten arbeiteten durchweg weiter.
Wiedergutmachungsansprüche überlebender Juden wurden oft von den selben
Finanzbeamten geregelt, die vorher deren Hab und Gut verscherbelt hatten.
Die wenigen zurückgekehrten Opfer mussten erneut in langen und entwürdigenden
Prozessen nachweisen, dass dies und jenes ihr Eigentum gewesen war oder
dass sie tatsächlich die Erben seien. Der Zugang zu den Akten und deren
Veröffentlichung war ein schwieriges Unterfangen. Ein bleiernes Schweigen
über die Täter und Nutznießer des legalisierten Raubes herrscht teilweise
bis heute.
Fragen stellen!
Auch in Mannheim wurde nach der Befreiung 1945 vieles unter den Teppich
gekehrt und der Mantel des Schweigens über die Mitschuld gelegt. Es wurde
von den (Mit-)Tätern alles unternommen, um eine Vielzahl von NS-Unterstützer-
und "Mitläufer"-Karrieren in Vergessenheit geraten zu lassen. Die großen
Arisierungsgewinnler wurden - wenn auch sehr zögerlich - bekannt. Aber
was ist mit den netten Nachbarn, die sich die Wäsche der deportierten
Juden legal ersteigerten? "Wir haben doch davon nichts gewusst" und der
"Überlebenskampf in den zerbombten Städten" ist über Jahre hinweg
entschuldigend entgegnet worden. Dass sich die Mitmacher und Zuschauer
dies nach dem Krieg nicht einmal eingestehen wollten oder konnten,
dass sie ihre individuelle Schuld leugneten, dieses gesellschaftliche
Versagen hat Ralf Giordano mit den Stichworten von "der zweiten Schuld"
oder "dem großen Frieden mit den Tätern" treffend beschrieben.
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Recherche und Dokumente zu Mannheim
Für Mannheim sind zu diesem Thema nur wenige Dokumente und Unterlagen aus
der NS-Zeit im Stadtarchiv erhalten, die derzeit mit Unterstützung von
Studenten der Universität Mannheim gesichtet und ausgewertet werden.
Tatsächlich gab es jede Menge Akten, denn penibel wurde vom NS-Staat der
Anschein von Rechtmäßigkeit aufrechterhalten, auf den Pfennig genau.
Auch nach 1945 wurde neue "Vorgänge" von Finanzämtern angelegt.
Im Generallandesarchiv sind viele Akten der "Wiedergutmachung" erhalten.
Bei der Ausstellung werden die Ergebnisse der Recherchen erstmals öffentliche
dokumentiert.
Die in der Ausstellung gezeigten Dokumente wurden vom Stadtarchiv Mannheim, dem
Generallandesarchiv Karlsruhe, der Jüdischen Gemeinde und von Privatleuten zur
Verfügung gestellt.
Die jüdische Gemeinde in Mannheim
von 1933 bis 1945
Die Mannheimer Jüdische Gemeinde gehörte 1933 mit ihren 6.402 Mitgliedern zu den
größten in Süddeutschland. Bereits fünf Jahre nach der Machtergreifung Hitlers
waren 1.000 jüdische Betriebe und Geschäfte in Mannheim aufgegeben worden.
Die 500 noch existierenden wurden im Laufe des Jahres 1939 geschlossen oder
zwangsarisiert. Das Kriegsende erlebten in dieser Stadt nur noch 60 Juden.
Fast 4.000 konnten in den zwölf Jahren emigrieren oder fliehen.
In den
Vernichtungslagern wurden 2.160 Mannheimer und Mannheimerinnen ermordet.
Viele Schicksale sind bis heute ungeklärt.
Bereits am 22./23. Oktober 1940, ein Jahr früher als reichsweit, wurden die
badischen Juden, darunter 1972 Mannheimer, in das Konzentrationslager Gurs
(Südfrankreich) verschleppt.
Gestapo und Polizei hatte sie aufgefordert, innerhalb von zwei Stunden das
Nötigste zu packen. Sie durften 50 kg Gepäck , 100 RM und "Reiseproviant" mitnehmen.
Bereits auf dem Transport und in Gurs starben 655 Menschen aufgrund der
katastrophalen hygienischen Bedingungen. Ab Sommer 1942 wurden die meisten
nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Einen Tag nach der Deportation von 1.970 Menschen jüdischer Herkunft aus Mannheim
ließ Oberbürgermeister Renninger
Bekanntmachungen im Hakenkreuzbanner und in der Neuen Mannheimer Zeitung absetzen:
wegen der "frei gewordenen Wohnungen" solle abgewartet werden.
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Versteigerungen durch das Finanzamt
Der Oberbürgermeister, der Polizeipräsident und ein Vertreter der Handelskammer
entschieden Anfang November 1940 über die "Verwertung jüdischen Vermögens".
Zwei Wochen später annoncierte das Finanzamt Versteigerungsanzeigen mit dem
deutliche Hinweis auf "Haushaltungsgegenstände
aus nichtarischem Besitz".
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Verwertung von beschlagnahmtem Umzugsgut
Zahlreich sind die Mannheimer Dokumente über die Verwertung des aus dem
besetzten Europa zusammengeraubten jüdischen Eigentums und des zurückgeholtes
Umzugsgutes jüdischer Emigranten. Insgesamt sind 408 Güterzugwaggons mit Lifts,
Kisten und Koffern nach Mannheim geschafft worden.
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Suche nach Kunst und Wertgegenständen
In dem geraubten Umzugsgut
der Emigrierten wurde Wertvolles vermutet, das es "zu versilbern" galt.
Das Finanzamt hatte eine spezielle Stelle, die "Finanzverwaltung des jüdischen und reichsfeindlichen Vermögnes", eingerichtet
die in F1,11 ihren Sitz hatte. Dies war die Adresse der Klaussynagoge, die in der Pogromnacht 1938 verwüstet worden war.
Zur "Aussonderung von Kunstwerken aus den Lifts" arbeitet das Finanzamt mit Experten zusammen : Den Direktoren der Mannheimer
Kunsthalle und des Schloßmuseums sowie mit einem Bildhauer.
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Gründung einer "Verwertungsstelle für volksfeindliches Vermögen"
Im Herbst 1942 wurde eigenes eine "Verwertungsstelle für volksfeindliches
Vermögen" (oft auch "volksfremdes Vermögen") kurz "VVV" eingerichtet. Bei den Sitzungen treffen sich hochrangige Vertreter
der NSDAP, Industrie- und Handelskammer, der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel,
des Finanzamtes und des Zollamtes. Honorige Herrschaften aus dem Fachhandel
wie die Herren Engelhorn, Bazlen und Telkamp bringen ihre Erfahrungen als
"Schätzer" und Kaufleute ein, als Kunst-Sachverständige sind der Direktor der
Kunsthalle und des Museums zugezogen.
Die offizielle Leseart war dagegen, dass die Waren für die sog.
"Fliegergeschädigten" in Mannheim bestimmt seien. Tatsächlich gab es erst
ein Jahr später, ab September 1943, viele Ausgebombte zu versorgen.
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Der "Fachhandel" verdient kräftig mit
Die Lifts werden unter der Aufsicht von Vertretern der "Verwertungsstelle
für volksfeindliches Vermögen" einzeln ausgepackt. Nachdem Partei- und
Staatsinstanzen kostenlos Gegenstände erhalten hatten, wird der übrige Inhalt
einzeln aufnotiert und durch Fachleute aus dem Handel geschätzt.
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Der Fachhandel kauft die wertvolleren Teile zum Schätzpreis,
muss einen Aufschlag von 12 ½ Prozent an das Finanzamt abführen und kann die
Waren im freien Verkauf anbieten.
Die Massenware aus dem Beutezug wurde über die Verwertungsstellen angeboten,
bei der man nur mit Bezugsschein einkaufen konnte. Bezugsscheine erhielten
Ausgebombte aber auch Neuvermählte, Kinderreiche und sonstige Bedürftige.
Hier wurde die Preisgestaltung genau überwacht. Auf der Quittung stand die Nummer
des Lifts, das Datum und der Name des Käufers.
Riesige Verkaufsräume in N7,3
Das Verkaufslager in O7,8. reichte bald nicht mehr aus, Verpackungsmaterial
stapelte sich auf den Planken, der Hauptverkehrsstraße. Die Stadt stellt
Lagerräume in der U2-Schule zur Verfügung.
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Verkaufsräume von jetzt 1.100 qm
werden 1943 in N7,3 vom Kaufhauses Vetter angemietet. Die Waren kommen nun auch aus Paris
Immer wieder versucht der Wirtschaftsprüfer nd Treuhänder Rappman, eine Umsatzsteuerbefreiung zu erreichen.
In den 30 Monaten ihres
Bestehens erwirtschaftete die Verwertungsstelle 2,3 Millionen Reichsmark.
Aus den Einnahmen der Verkäufe wurde das meiste an das Finanzamt abgeführt.
Außerdem erstattet die "VVV" die Lohnkosten für die Verkäuferinnen (ca 100 RM
im Monat), den Geschäftsführer, die Mietkosten, die Kosten für die Schätzer und
den Treuhänder (Rappmann).
Dabei flossen auch der NSDAP aus dieser Quellen in den Jahre 1942 - 1944 fast
120.000.- Reichsmark zu. Weitere Ausgaben der VVV wurde akribisch notiert: große
Mengen von Alkohol und Zigaretten für den Volkssturm und Einsatzkräfte,
Hotelkosten für "pol. Leiter" usw.
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Gigantische Umsätze bis Januar 1945
Mit dem Näherrücken der Front Ende 1944 wurde die "VVV" nach Tauberbischofsheim
evakuiert. Bis zum Januar 1945 liefen die Bankgeschäfte von dort aus weiter.
Die monatlichen Überweisungen an das Kaufhaus Vetter und an das Finanzamt
wurden bis Januar 1945 ordnungsgemäß erledigt. Danach stellte die "VVV" ihre
Tätigkeit ein.
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Treuhänder Rappmann wurde nach dem Krieg von den Amerikanern beauftragt die VVV
abzuwickeln.
Jüdische Überlebende und Emigranten forschten noch jahrelang nach dem Verbleib
ihres Besitzes und warteten vergeblich auf Entschädigung.
Referate als PDF-Datei
Die fünf Referate der Veranstaltung vom 13.01.05, die den Stand unserer derzeitigen
Recherchen darstellen, können hier als PDF-Datei herunter geladen werden.
Es handelt sich um ca. 20 Seiten, Dateigröße: 146 KB.
Dokument herunterladen
Zeitzeugen und Dokumente willkommen:
Wer durch Erinnerungen und sonstige Hinweise die Erarbeitung dieses Teils
der Stadtgeschichte unterstützen möchte, kann sich an den Arbeitskreis Justiz
in Mannheim wenden oder direkt an die Referenten der Veranstaltung:
rene.skusa@web.de
jbarke@gmx,de
steffenbode@hotmail.com
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